Bunt, kreativ, gemeinsam im Quartier


– gefördertes Projekt bietet neue Perspektiven für BewohnerInnen und lokale Kleinunternehmen im Krefelder Süden.

 

Über ihre neu aufgenommene Quartiersarbeit im Projekt „BIWAQ“ in den Krefelder Stadtteilen Dießem und Lehmheide berichten die MitarbeiterInnen der Kommunalen Zentralstelle für Beschäftigungsförderung der Stadt Krefeld, der Volkshochschule Krefeld und der Hochschule Niederrhein im Interview.

Seit Herbst 2020 setzt das interdisziplinäre Projektteam im Krefelder Süden Maßnahmen um, die soziales Quartiersmanagement und Arbeitsmarktförderung verbinden. Finanziert wird das geförderte Programm „Bildung, Wirtschaft, Arbeit im Quartier“ (kurz BIWAQ) aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und Eigenmittel der Stadt Krefeld. Das Förderprogramm richtet sich gezielt an Städte und Gemeinden mit strukturschwachen, benachteiligten Quartieren und soll vor allem gemeinsam mit Bewohnern und Akteuren vor Ort neue Unterstützungsangebote schaffen.

Von Gillen Kalverkamp, Projektkoordinatorin von der Kommunalen Zentralstelle für Beschäftigungsförderung (Kom.ZFB) des Fachbereichs Jugendhilfe und Beschäftigungsförderung, Wojciech Cichon von der Volkshochschule Krefeld sowie Saskia Griffig und Beatrix Bos-Firchow, beide Mitarbeiterinnen des SOCON Instituts der Hochschule Niederrhein erfahren Sie, was ihre Arbeit ausmacht und warum die beteiligten Projektpartner sich so gut ergänzen.

Frau Kalverkamp, was zeichnet die Stadtteile Dießem und Lehmheide aus, warum ist das BIWAQ-Projekt eine Chance für diese beiden Quartiere?

Gillen Kalverkamp: Die Stadtteile Dießem und Lehmheide sind wie der Titel des BIWAQ-Projekts schon sagt bunt - und multikulturell. Hier leben viele Menschen mit Flucht- oder Migrationsbiographien, der Anteil der Erwerbslosen ist überdurchschnittlich hoch ebenso der Anteil an Alleinerziehenden. Diese Ausgangssituation lädt geradezu dazu ein, multiperspektivisch im Schulterschluss mit vielen sozialen Akteuren und den Bewohner*innen aktiv zu werden. Die Aufgabe der Kom.ZFB liegt einerseits in der Koordinierung und Verbindung der unterschiedlichen Säulen des BIWAQ-Projekts und andererseits ganz konkret in der Beratung der Ratsuchenden nach dem Handlungskonzept des Casemanagements. Zeitgleich wird immer wieder auch die Aktivierung der Bewohnerschaft im Auge behalten. So fand bereits ein erster Aufschlag eines Interreligiösen Gebets oder die Beteiligung an der städtischen Aktion „Sport im Park“ statt.

Wer kommt zu Ihnen in die Beratung? Wie erfährt ein Ratsuchender von Ihrem Beratungsangebot?

Gillen Kalverkamp: „Das Zauberwort heißt wohl auch hier Vernetzung! Dank der guten Zusammenarbeit mit den Familienzentren, Kindergärten und Grundschulen treffen wir immer wieder auf in ihren Heimatländern gut ausgebildete Eltern, die jedoch bislang nicht in den allgemeinen Arbeitsmarkt integriert werden konnten. Auch wenn die festen Sprechstunden zur Erstberatung in den Einrichtungen aufgrund von Kontaktbeschränkungen resultierend aus der Pandemielage wieder zurückgenommen werden mussten, profitieren die Bewohner*innen vom bislang erreichten Bekanntheitsgrad des BIWAQ-Projekts vor allem über die sozialen Orte, wo sie bzw. ihre Kinder angebunden sind.

Mit welchen Themen kommen die Ratsuchenden zu Ihnen?

Gillen Kalverkamp: Zum Teil fehlt es an ausreichenden Deutschkenntnissen und Erfahrungen mit den hiesigen Gepflogenheiten, um im Alltag besser zurechtzukommen oder eine bessere Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben.

Ebenso machen bürokratische Hürden, wie zum Beispiel zur Anerkennung von Schul- und Ausbildungsabschlüssen aus den Herkunftsländern, einen nicht unerheblichen Hilfebedarf bei den Ratsuchenden aus. Immer wieder wird deutlich, welch hohe psychische Belastungen in Folge von Flucht und Migration zu bewältigen sind. Hier fungieren die Berater*innen als Lotsen zu spezialisierten Beratungsstellen oder bauen Brücken beim Eintritt in Qualifizierung oder in eine berufliche Tätigkeit. In der Beratung zeigt sich, dass Jugendhilfe und Beschäftigungsförderung gewinnbringend ineinandergreifen, da oftmals der Aufschlag in der Beratung mit einem Elternteil beginnt und im Laufe des Beratungsprozesses letztlich das gesamte Familiensystem Unterstützung erfährt.

Was sind denn konkrete Hilfestellungen für die Ratsuchenden?

Gillen Kalverkamp: Da die Mitarbeiter*innen der Beratungsstelle die Situation der Ratsuchenden ganzheitlich erfassen, werden die Ratsuchenden bei Fragen im Bereich Wohnungssuche, Strom-bzw. Mietkosten oder Leistungsbezug sowie beruflicher Perspektive unterstützt. Oft zeigen sich dabei konkrete Qualifizierungsbedarfe. Und das genau bildet dann die Brücke zum BIWAQ-Kooperationspartner VHS.

Für die Organisation der Qualifizierungsangebote ist Herr Wojciech Cichon von der VHS von der VHS zuständig.

Herr Cichon, welche Angebote bieten Sie bislang für BIWAQ-Kunden und wie erfahren diese davon?

Die VHS-Angebote knüpfen passgenau an die Bedarfe der Zielgruppe an, die in den Beratungsgesprächen mit den Casemanager*innen der ZFB identifiziert werden. Viele BIWAQ-Teilnehmende benötigen vor allem Unterstützung beim Deutschlernen, damit ihr (Wieder-)Einstieg in den Beruf in Deutschland gelingen kann. Die VHS hat daher zuerst Deutschkurse für BIWAQ-Teilnehmende im Bereich der elementaren Sprachverwendung etabliert. Weitere Deutschkurse im Bereich der Alphabetisierung und Deutschkurse für Fortgeschrittene sind in Vorbereitung.

Neben der Teilnehmenden-Gewinnung aus den Beratungen der Kom.ZFB wirbt die VHS auch aktiv in ihren VHS-Kursen und Netzwerken für das BIWAQ-Projekt und spricht dabei VHS-Kursteilnehmende und Multiplikatoren aus den Stadtteilen Dießem/Lehmheide gezielt an.

Herr Cichon: Welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht? Wie gelingt Qualifizierung in Zeiten von Corona?

Die Zielgruppe ist motiviert. Es ist schade, dass wir wegen der aktuellen Corona-Einschränkungen unseren Präsenzunterricht pausieren müssen. Wir stehen im Austausch mit dem Fördermittelgeber und prüfen, wie wir Online-Lerneinheiten umsetzen können – etwa mit dem VHS Lernportal. In der Zwischenzeit versorgen die VHS-Dozentinnen und Dozenten die Deutschlernenden mit Hausaufgaben.  

Welche weiteren Qualifizierungsangebote sind geplant?

Die Deutschangebote werden ausgebaut, vor allem am Vormittag. Zeitnah sollen auch die ersten BIWAQ-Angebote der VHS im Bereich der digitalen Grundbildung und Schlüsselqualifikationen beginnen. Geplant sind etwa Workshops zur Auseinandersetzung mit Chancen und Risiken der Digitalisierung für den Berufsweg und die Gesundheit, zum Arbeiten mit gängigen EDV Programmen (Word, Excel, Email-Anwendungen, Internetrecherchen) und zur adressatengerechten Kommunikation mit Arbeitgebern, Behörden und im sozialen Umfeld. Dabei werden die BIWAQ-Teilnehmenden mit konkreten und alltagspraktischen Anwendungsbeispielen arbeiten, etwa unter Anleitung von erfahrenden Dozentinnen und Dozenten Kurzbriefe formulieren oder an der Aufbereitung ihres Lebenslaufs „feilen“.   

Frau Kalverkamp, Sie sprachen eingangs von vier Säulen des BIWAQ-Projekts.

Gillen Kalverkamp: Es gibt im BIWAQ-Projekt zwei Handlungsfelder. Zum Handlungsfeld 1 gehören die Beratungsstelle der Kom.ZFB und die Qualifizierungen durch die VHS. Im Handlungsfeld 2, das die Hochschule Niederrhein mit den Instituten SO.CON und NIERS bestreitet, geht es um die Stärkung der Lokalen Ökonomie und die Begleitung der Gründung eines Sozialunternehmens. Ein Sozialunternehmen dient vor allem den Menschen, die noch nicht in der Lage sind, zeitnah in den allgemeinen Arbeitsmarkt einzusteigen. Hier ist federführend Frau Beatrix Bos-Firchow, wiss. Mitarbeiterin im SOCON Institut der Hochschule Niederrhein zuständig.

Frau Bos-Firchow, welche Art von Sozialunternehmen soll in Krefeld Süd entstehen?

Beatrix Bos-Firchow: Das geplante Sozialunternehmen soll Ideen und vorhandene Ressourcen im Stadtteil aufgreifen. Durch Beteiligung lokaler Unternehmer, sozialer Verbände und der Lokalpolitik sowie interessierter Einzelpersonen wie gründungswilliger Student*innen oder Migrant*innen, auch Beratungskunden aus dem Casemanagement, soll sich ein Netzwerk für ein gemeinschaftlich getragenes Quartierszentrum etablieren. Durch die bereits vorhandene gute Vernetzung und Unterstützung durch viele Akteure im Stadtteil kristallisiert sich aktuell als Idee für ein Sozialunternehmen das Konzept offener Werkstätten heraus.

Offene Werkstätten stellen den Bewohnern des Quartiers Räume für kreatives oder handwerkliches Gestalten zur Verfügung und bieten gleichzeitig Raum für Begegnung und Lernen, auch in Hinblick auf berufliche Orientierung. Beginnend mit einer Nähwerkstatt und Angeboten für allgemeines kreatives Werken (malen, basteln) wird über Upcycling- bzw. Nachhaltigkeitsprojekte auch das in Krefeld-Süd häufig angesprochene Thema des Müllaufkommens aufgriffen.

Zukünftig sollen die Werkstätten Ausgangspunkt für ein Quartierszentrum mit Bildungsangeboten (z.B. der VHS) und offenen Begegnungsmöglichkeiten werden.

Frau Griffig, die vierte tragende Säule des BIWAQ-Projekts widmet sich der Lokalen Ökonomie. Was genau verstehen Sie darunter?

Saskia Griffig: Die lokale Ökonomie im Stadtteil ist neben den großen Supermärkten für den täglichen Bedarf geprägt von Kleinstunternehmer*innen, oft ebenfalls mit migrantischem Hintergrund und zum Teil auch ethnischen Sortimenten. Diese Händler*innen werden insbesondere in Zeiten der Corona-Pandemie vor enorme Herausforderungen gestellt. Unser Ziel ist es, diese Unternehmen zu stärken und gerade jetzt in der Krise zu stabilisieren. Da müssen neue Vertriebswege gefunden und ganze Geschäftsabwicklungsprozesse neu gedacht werden, Kunden vielleicht auch auf anderen Wegen als bisher üblich angesprochen werden. Ein Schwerpunkt ist daher die Unterstützung der Unternehmen bei der Nutzung digitaler Möglichkeiten zur Vermarktung und Kundenansprache sowie neuen Ansätzen zum „Offlineshopping“. Wir möchten an dieser Stelle noch nicht zu viel verraten, aber eine erste Anwendung befindet sich bereits in der Entwicklung und kann in den nächsten Wochen durch das Projektteam erprobt und getestet werden.

Des Weiteren führen wir in den kommenden Wochen eine große Haushaltsbefragung durch. Insgesamt 4000 Bewohner*innen von Dießem und Lehmheide werden per Zufallsprinzip ausgewählt und mittels Brieffragebogen zu ihrer Wahrnehmung des eigenen Stadtteils befragt. Wir möchten herausfinden, wie die Menschen ihr Wohnumfeld erleben: Was verbinden sie mit ihrem Stadtteil und welche Stärken und Schwächen sehen sie dort? Uns interessiert ganz besonders, welche Geschäfte die Bewohner*innen kennen und nutzen und welche Angebote sie vielleicht in ihrem unmittelbaren Umfeld vermissen.

Auf dieser Grundlage können wir die lokalen Gewerbetreibenden dann durch Beratung und gezielte Schulungsangebote bedarfsgerecht bei ihrer unternehmerischen Weiterentwicklung unterstützen. Daher möchten wir alle Bewohner*innen, die dieser Fragebogen erreicht, bereits an dieser Stelle herzlich bitten, an der Befragung teilzunehmen und ihre Chance zu nutzen, Krefeld-Süd ganz aktiv mitzugestalten.

Aktuell erlauben es die Beschränkungen aufgrund der Pandemiebedingungen leider nicht, dass wir persönlich vor Ort so präsent sein können, wie wir es uns wünschen. Sobald die Umstände es erlauben, werden die Mitarbeiter*innen der Hochschule aber auch mit festen Sprechzeiten im Quartier für die Belange der Gewerbetreibenden erreichbar sein und die Vernetzung noch stärker vorantreiben. Bis dahin können sich Interessierte natürlich auch jederzeit telefonisch oder per Email an uns wenden.

 


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